Rumpelnde Häuser

Die Fotoserie zeigt Orte, jeweils überlagert mit einem Bild aus vergangener Zeit: einer Besetzung an derselben Stelle. 

La Bourdache, Lausanne: Nur kurz, aber aussergewöhnlich blühte die «Bourdache» in Lausanne: Im Frühling 2011 wurden die ehemaligen Familiengärten aus den 1950ern von einem Kollektiv besetzt. Bald teilte es sich die rund drei Hektaren mit einer Gruppe Sans-Papiers aus Lateinamerika und mehreren Rom:njafamilien; rund hundert Personen lebten hier zusammen und bauten Gemüse an. Schon ein Jahr später liess die ­Stadtregierung das Gelände räumen. Das Bourdache-Kollektiv fand dann bis 2023 eine neue Bleibe an der Route de Chavannes (Foto) in Lausanne.

Rhino, Genf: Von 1988 bis 2007 war das Rhino das Aushängeschild der Genfer Squatter:innenszene: rund 75 Bewohner:innen in zwei Gebäuden, viel Platz für Konzerte, Theater, Tanz. «Und viele spontane Feste», sagt Marion, die direkt ins Schwärmen gerät. Sie initiierte im Rhino mit anderen das Konzertlokal Cave12, das heute zum Glück an einem anderen Ort weitergeführt wird. Das Rhino ist für sie der Beweis, dass ein Zusammenleben auch mit vielen verschiedenen Ansprüchen funktionieren kann: «Die Leute brauchen bloss einen Ort, wo sie es üben können.»

Sidi, Winterthur: Die grossen Demos gegen den Irakkrieg und die zunehmende Gentrifizierung hatten ab 2003 dazu beigetragen, dass in Winterthur eine neue linksradikale Bewegung entstand. Im Februar 2004 wurde das Sulzer-Hochhaus für zwei Tage besetzt, im November folgte erst eine, ab 2006 dann alle Hallen der alten Seidenweberei: «Eigentlich viel zu viel Platz, der auch zu einer gewissen Überforderung führte», erinnert sich eine Beteiligte. Es gab Wohnraum, Küche, Kulturprogramm bis zum Sommer 2006. Danach wurden die Hallen für eine Überbauung abgebrochen.

Molino, Lugano: Eine autonome Oase nicht nur in Lugano, sondern für das ganze Tessin waren die Räume der alten Metzgerei, seit die «Molinari» 2002 eingezogen waren. 2021 war auf unerhörte Art Schluss: Erst wurde das Gebäude auf Anweisung der rechten Stadtregierung geräumt, dann mitten in der Nacht von Baggern in Schutt gelegt. Inzwischen haben die ehemaligen Besetzer:innen läppische 35 000 Franken ­Entschädigung erhalten – und ein alternativer Zufluchtsort in dieser so unheimlich reichen Stadt fehlt.

Alte Stadtgärtnerei, Basel: Ab 1986 war das weitläufige Areal der Alten Stadtgärtnerei als Freiraum belebt, zwei Jahre später sollte es durch eine Abstimmung gesichert werden. Die Stadtgärtner:innen verloren, wenn auch relativ knapp – darauf wurde geräumt. Basel verlor ein Daheim ­für Künstler:innen, Autonome, Politgruppen, das ganze Quartier. Die «Stadtzgi» sei ein Ort der vielen Perspektiven gewesen, sagt Stephan, der damals Teil der Kerngruppe war: «Dort haben viele ein anderes Zusammenleben zum ersten Mal als möglich erlebt.» 

Bavaria/Rümpeltum, St. Gallen: «Voll die schmierige Höhle» sei das Rümpeltum gewesen, wird uns über dessen dritten Standort zugetragen. «In Städten, wo es mehr ­alternative Zentren gibt, mag so etwas normal sein. Aber in St. Gallen war es ein seltenes, schimmerndes Juwel.» Seinen Anfang nahm es 1999 in der alten Brauerei Bavaria. Die Besetzer:innen mussten diesen ersten Ort zwar bald wieder verlassen, doch der Grundstein war gelegt: Nach drei Umzügen lebt das Rümpeltum nun am Bahnhof St. Fiden weiter. An der Fassade: «Chum wied bisch».

Familie Osterhase, Ostermundigen: Viele Feste wurden gefeiert. Und in den fünf Jahren Besetzung bis 2019 habe sich das Haus dauernd verändert, sagt ein Osterhase von damals, der in einer der zehn Wohnungen mit vielen anderen zusammenlebte: Mal wurde eine Wand rausgerissen, mal etwas umgebaut, mal die Fassade neu gestrichen. «In den letzten Monaten haben wir das ganze Haus schwarz angemalt. Und als es schon fast abgerissen war, haben wir aus der Baustelle einen Haufen Gartenplatten rausgeholt, um sie bei uns auf dem Wagenplatz zu verbauen.» Es geht doch immer irgendwie weiter.

Wohlgroth, Zürich: Wer zwischen 1991 und 1993 in Zürich mit dem Zug ankam, wurde von einem grossen «Zureich» empfangen: Das Wohlgroth-Areal mit seinen fünf Häusern, die grösste Besetzung der Schweizer Geschichte, lag direkt an den Gleisen. «Endlich genug Platz» habe es dort gegeben, sagt Philipp: viel Wohnraum, aber auch Platz für Kino, Konzerte, illegales Radio und erste Raves, für Antifa- und andere Politgruppen, für Fixerstübli und Frauennotschlafstelle. Und am allerschönsten? «Mit Freund:innen auf dem Dach zu sitzen und den Zügen zuzuschauen.» 

Die Texte zu den Häusern stammen von Alice Galizia.