Ein guter Geist

Sailing Stones Residency / Festival 2019: 
mehr als vierzig Musiker:innen und Veranstalter:innen aus Tunesien und Europa treffen sich südwestlich von Tunis für ein künstlerisches Experiment mit abschliessendem Festival.

Sie nannten mich Dhamer.

Die GNV Fantastic Ferry schaukelt 24 Stunden lang
paffende Passagiere sitzen
auf den Monoblocs, den weissen Plastikstühlen
fahren übers Mittelmeer von Genova nach Tunis
und der grosse Kamin schleudert riesige Russpartikel aufs Oberdeck: Soundcheck.

«Wo sind wir?» Im Haus der Eltern.
«Bist du hier aufgewachsen?» Im Jahr 2001 machten sie Urlaub in Paris und gingen nicht mehr zurück. #BenAli
Dann kam der Arabische Frühling und setzte Energien frei.
«Was heisst das?» Youssef aka Bookmaker Records hatte zusammen mit Freunden die Idee von einem alternativen Musikfestival in Tunesien. «Und wo ist jetzt Azyz?»
Ich glaube er kommt später, muss noch Schafe verkaufen, um das Festival zu finanzieren. #Arabspring

Treffpunkt ist Tunis, mit Konzert, dann Workshop in Hamamet, Villa am Meer, und von dort irgendwo ins Hinterland, wo Acts aus mehreren Ländern während einer Woche zusammen Musik machen, und am Ende gibts ein Festival. Klingt nach einem Plan: Sailing Stones 2019.

Transfer Tunis-Dahmani, Grotte d'Althiburos. Le bus est fatigué.
Lord Kesseli auf der Rückbank. Zwischenstopp Berber-Stübli.
@Grotte d’Althiburos, geordneter Aufbau für einwöchige Musikresidenz:
Vier einfache Häuser im Nirgendwo und eine Grotte, die sich der Künstler Amar als Malatelier zu Nutzen macht. Auf dem gegenüberliegenden Feld steht mit ausgelegten Steinen ein riesiges «NO» gegen alle schlechten Stimmungen, gegen Sexismus, Rassismus, Fanatismus geschrieben. In der Mitte des «O» soll eine grosse Skulptur aufgestellt werden, die dem Himmel den Mittelfinger zeigt.

Beginn der Residenz, 08.04.2019
Ein kühler Wind bläst, Wolken, Sonne und Regen wechseln sich ab. In der Nacht sinkt die Temperatur auf wenige Grad über Null. Wir werden glücklich, wenn es etwas Warmes zu essen gibt. Nicht daran zu denken, hier oben zu übernachten, geschweige denn, am Wochenende ein Musikfestival zu veranstalten. Die Zufahrtsstrasse ist phasenweise ein Bach, der Weg zur Bühne ein Sumpfgebiet, die sanitären Anlagen noch in Konstruktion, und der Zuständige baut lieber Joints als Toiletten.
Der Europäer bekommt kalte Füsse. Sammelt feuchtes Brennholz. Schafhirten mit dunklen Kutten holpern auf Motorrädern über die Strassen und ich bin froh, wenn ich einschlafe.

Es geht hier nicht nur darum, dass sich musikalische Universen verbinden, sondern auch, tunesische Improvisation mit europäischen Excel-Tabellen zu verknüpfen. Dass hier irgendwo zwischen Warten und Handeln niemand stehen bleibt. Unterdessen sind einundfünfzig Betten in der Maison Jeunes in Dahmani belegt, über 10 Stunden neue Musik aufgezeichnet, und unermüdlich wird nach einer wetterfesten Festival-Location gesucht. Es laufen Verhandlungen mit dem Baron Alcool de Kef. 300 BesucherInnen werden erwartet.

«Nach zwei Tagen ist die Residenz ein Selbstläufer. Manchmal reichen ein paar repetitive Schläge auf einem Perkussionsinstrument, um Personen weg von Gesprächen, hin zu den Instrumenten und hinein in einen Loop zu locken. Wo immer man hingeht, fliesst Musik aus den Hütten und verdampft über den Dächern, alles irgendwie ziellos, aber nur selten beliebig. Ich fühle mich zurückversetzt in die Zeit, bevor Musik in meinem Kopf mit Stolz und Erwartungen verdrahtet wurde. Die Grenzen zwischen Bands und Genres sind schnell aufgehoben, die Kommunikation an die Musik delegiert. Musik kenne keine Grenzen, heisst diese tausendfach gehörte Floskel, deren Inhalt ich nie anzweifelte, aber vielleicht zum ersten Mal wirklich nachempfinde.» Donat von «One Sentence. Supervisior» aus WOZ Nr. 27/2019

Update new location!
Ungeordneter Aufbau und 3 magische Momente:
Die Hand des Barons drückt die Zigarette aus und legt sie zustimmend auf die Brust.
Der Ruf vom Muezzin schwebt über die archäologische Stätte im Sonnenuntergang.
Der Geist von Pavarotti singt total bekifft in der Maison Jeunes o sole mio.

Festival beginnt.
National Guard kontrolliert aufgrund Terrorverdachts.
Sanität kontrolliert Pillenverkauf.
Der amerikanische Pullover dreht seine Runden.
Grosser Trommelwirbel.
Improvisation: «One Sentence. Supervisor» + «10-20 Project»
Dramatische Zustandsveränderungen.
Echo. Schreie. Energie übergeschnappt.
Und ich frage mich: warum genau bleibt die Bühne oben am Hügel leer?
Festival endet.
Tränen in den Augen. 
12.04 – 13.04.2019

LINE-UP Sailing Stones Festival:
10/20 project (TU)
Asbest (CH)
Belia Winnewisser (CH)
Lord kesseli & the drums (CH)
SUNZI & Ynflx (TU)
Noble Man (TU)
Bit-Tuner (CH)
Caged Bastard (TU)
DvSN / Nvmb Stupor (TU)
Electric Moon (GER)
Oiseaux-Tempête (F)
One Sentence. Supervisor (CH)
Pyrit (F/CH)
Seabuckthorn (F/UK)
Ammar 808 (TU/ BE)
Rwayekbeurd (TU)


& other guests